top of page

20. Okt. 2026

Interview: Denise Krell (Mercator-Institut für Mehrsprachigkeit und sprachliche Bildung) | Kompetenzzentrum Sprachbildung

Zwei Jahre CHANCEN-Verbund: Was hat das Kompetenzzentrum Sprachbildung zur Unterstützung des Startchancen-Programms bisher erreicht?

Wie begleitet man 4.000 Schulen in 16 Ländern wissenschaftlich? Und was hat das Kompetenzzentrum Sprachbildung schon erreicht? Simone Jambor-Fahlen gibt im Interview Einblicke.

Seit zwei Jahren kümmert sich der CHANCEN-Verbund um die wissenschaftliche Begleitung des Startchancen-Programms. Das Kompetenzzentrum Sprachbildung ist wichtiger Teil des Forschungsverbunds und hat sich zum Ziel gesetzt, Kinder und Jugendliche – vor allem aus sozial benachteiligten Familien – im Lesen, Schreiben und Zuhören zu stärken. Was hat das vom Mercator-Institut der Universität zu Köln und von der Universität Hamburg gemeinsam koordinierte Kompetenzzentrum auf diesem Weg bislang erreicht? Das BiSS Magazin hat Dr. Simone Jambor-Fahlen, die Projektkoordinatorin des Kompetenzzentrums Sprachbildung, um eine Zwischenbilanz gebeten.


Wie begleitet man denn ein Bildungsprogramm für 4.000 Schulen in 16 Ländern wissenschaftlich? Wie gehen Sie diese Aufgabe als Kompetenzzentrum Sprachbildung an?

Simone Jambor-Fahlen: Bei 4.000 Schulen haben wir natürlich nicht die Ressourcen, überall direkt vor Ort tätig zu sein. Deshalb stellt sich für uns die Frage: Wie gelingt es uns dennoch, wissenschaftlich fundierte und erprobte Konzepte und Materialien zur sprachlichen Bildung in den Schulen fest zu verankern? Wir lösen das über ein Multiplizierendensystem. Das heißt: Wir als Kompetenzzentrum Sprachbildung bieten Qualifizierungsmaßnahmen zu den Themen Lesen, Schreiben und künftig auch für das Zuhören für Multiplizierende aus den 16 Bundesländern an. Die Multiplizierenden sind meist abgeordnete Lehrkräfte, die über die Landesinstitute in diese Funktion kommen. Sie kommen dann zu uns in die Qualifizierungsmaßnahmen, die auf länderspezifische Bedürfnisse abgestimmt sind. Anschließend gehen sie mit ihrem Wissen in die sogenannten Fachnetzwerke der Länder. In diesen sitzen die Fachlehrkräfte der Startchancen-Schulen, die von den Schulen mit dieser Aufgabe betraut werden. Einige Länder gruppieren die Fachnetzwerke thematisch, andere regional – das ist sehr unterschiedlich. Aber meist kommen in einem solchen Netzwerk zwischen zehn bis zwölf Schulen zusammen. Sie tauschen Erfahrungen aus und entwickeln gemeinsam Schul- und Unterrichtskonzepte weiter. Dann tragen sie das Wissen in ihre Schulen hinein. Wir setzen also auf ein Kaskadensystem, so wie wir das aus der BiSS-Initiative kennen.

Die Schulen können also über ihre Teilnahme in den Fachnetzwerken auf die Konzepte und Materialien zur sprachlichen Bildungsarbeit zugreifen?

Simone Jambor-Fahlen: Richtig. Schulen können über ihre jeweilige Fachnetzwerkleitung – das sind die Multiplizierenden, die wir qualifizieren – auf die Maßnahmen und Materialien zugreifen. Sie bekommen die Hintergründe erläutert und werden in die Unterrichtshefte eingeführt, so dass sie diese direkt in ihrer Schule einsetzen können. Wir arbeiten mit der Heftreihe „Texte meistern“, die wir in verschiedenen Projekten am Mercator-Institut entwickelt und an Schulen erprobt haben. Diese Materialien stehen zum kostenlosen Download zur Verfügung, sind also für Schulen und Lehrkräfte frei zugänglich und können für den Unterricht genutzt werden. Je nach Bedarf können Schulen die Hefte und Handreichungen auch in Klassensätzen über den Webshop von Anybook zum Selbstkostenpreis als gedruckte Exemplare bestellen.

Wie gewährleisten Sie denn, dass die Maßnahmen über dieses Mehrebenensystem auch wie geplant in den Schulen umgesetzt werden?

Simone Jambor-Fahlen: Dieses Kaskadensystem in der Praxis so auszugestalten, dass es reibungslos funktioniert, ist herausfordernd – auf jeden Fall. Denn zum einen haben wir durch die verschiedenen Kaskaden auch so etwas wie eine Filterkette. Sprich: Wir müssen den Prozess so aufsetzen, dass die Konzepte und Maßnahmen, die wir im Rahmen unserer Qualifizierungsmaßnahmen weitergeben, dann auch in der Praxis der Schulen ankommen und dort nachhaltig verstetigt werden können. Dafür mussten wir im CHANCEN-Verbund erst einmal die Grundlage schaffen – also alle Akteurinnen und Akteure des Mehrebenensystems länderspezifisch mitdenken und die Steuerungsprozesse der einzelnen Länder intensiv in den Blick nehmen. Denn damit Konzepte sich wirkungsvoll im Schulalltag verankern können, müssen alle Unterstützungssysteme, die die Schulen steuern, beraten und fortbilden – wie Verwaltung, Schulaufsicht oder Schulentwicklungsberatung – zusammenarbeiten. Das heißt erst einmal ging und geht es für uns um Fragen, wie: Welche Akteurinnen und Akteure sind im jeweiligen Land relevant für den Prozess? Wann binde ich an welchem Punkt wen ein? Und wie bekomme ich alle, die an den Sprachbildungsprozessen in einem Land beteiligt sind, an einem Tisch zusammen?

Können Sie am Beispiel eines Landes mal skizzieren, wie Ihre Arbeit konkret aussieht?

Simone Jambor-Fahlen: Gerne. Ich mache das mal am Beispiel Brandenburg, da dieses eines der ersten Länder war, das sich an uns gewandt hat. Dort haben wir zunächst mit dem zuständigen Landesinstitut Brandenburg für Schule und Lehrkräftebildung – kurz LIBRA – über mögliche Qualifizierungsmaßnahmen gesprochen. Gemeinsam haben wir einen Kompetenzbereich ausgewählt, mit dem wir anfangen wollen – für Brandenburg war das die Leseförderung. Die länderspezifische Adaption bestand darin, dass Brandenburg eigene im Land entwickelte Materialien zur Förderung von Lesestrategien mit in die Qualifizierungsmaßnahme einbeziehen wollte. Und das haben wir getan. Wir setzen also in einem ersten Gespräch mit den Vertreterinnen und Vertretern eines Landes die Eckpfeiler eines Konzeptes zur Qualifizierung. Dann liefern wir einen ersten Entwurf – mit Maßnahmen und Zielen. Dort wird skizziert, welche Qualifizierungsmaßnahmen wir avisieren und wie Ablauf und Zeitplanung aussehen. Dieser Konzeptentwurf wird dann in einem gemeinsamen Prozess mit den Zuständigen des Landes besprochen und gegebenenfalls angepasst. Auf dieser Basis startet die Qualifizierungsmaßnahme mit den vom Land identifizierten Multiplizierenden. Das kann sechs Monate dauern, kann aber auch kürzer sein, je nach Vorwissen der Teilnehmenden und je nach Landesstrategie. Dann geht das Wissen in die Arbeit der Fachnetzwerke und schließlich in die Schulen.



Wir haben mittlerweile in ko-konstruktiven Prozessen mit den Ländervertreterinnen und Ländervertretern verschiedenste Qualifizierungsangebote für die sprachliche Bildung entwickelt und rund 200 Multiplizierende qualifiziert.



Wie weit sind Sie denn in diesem Prozess fortgeschritten? Der CHANCEN-Verbund besteht im Oktober 2026 zwei Jahre. Was hat das Kompetenzzentrum Sprachbildung bereits erreicht?

Simone Jambor-Fahlen: Wir haben mittlerweile in ko-konstruktiven Prozessen mit den Ländervertreterinnen und Ländervertretern verschiedenste Qualifizierungsangebote für die sprachliche Bildung entwickelt und rund 200 Multiplizierende qualifiziert. Die Qualifizierungen werden mittels Blended-Learning-Kursen durchgeführt, die Multiplizierenden können sich das Wissen also in einer Kombination aus Online- und Präsenzlernen aneignen und sich über die Inhalte austauschen. Thematisch stehen dabei die Kompetenzbereiche Lesen, Schreiben und Zuhören im Mittelpunkt. Die Angebote verbinden Diagnostik und Förderung systematisch miteinander, denken konsequent heterogene Lerngruppen mit und unterstützen Schulen dabei, Unterricht auf Grundlage erhobener Daten gezielt weiterzuentwickeln. Die 200 Multiplizierende wurden auf diese Weise für die Weitergabe von Wissen und praxisnahen Methoden sowie Materialien zur sprachlichen Bildung qualifiziert. In Fachnetzwerken unterstützen sie nun Lehrkräfte dabei, sprachliche Basiskompetenzen zu fördern und Sprachbildung stärker im Unterricht zu verankern. Auch im Bereich der beruflichen Bildung haben wir bereits einiges erreicht. Wir haben eine Orientierungshilfe zur Auswahl geeigneter Diagnostiktools für die Kompetenzbereiche Lesen und Schreiben entwickelt. Dieser Leitfaden hilft Fachkräften in der Berufsbildung dabei, passende Diagnostik-Verfahren für unterschiedliche Zielgruppen und Fragestellungen auszuwählen.

Woran arbeiten Sie derzeit?

Simone Jambor-Fahlen: Unter anderem arbeiten wir gerade an einem Sprachbildungskompass. Dabei handelt es sich um ein digitales Instrument, das diagnostische Verfahren und Fördermaßnahmen eines Bundeslandes über den gesamten Lernverlauf hinweg sichtbar macht. Die geplante Beta-Version soll dabei helfen, Bedarfe, Lücken und Entwicklungsfelder zu erkennen und daraus mögliche nächste Schritte beziehungsweise einen „Fahrplan“ für die Steuerung von Strategien zur Förderung der sprachlichen Bildung abzuleiten. Davon können insbesondere Schulen, Fachberatungen und weitere Verantwortliche profitieren, die sprachliche Förderung systematisch planen und weiterentwickeln möchten. Den Sprachbildungskompass werden wir den Ländern bald zur Verfügung stellen können.

Im CHANCEN-Verbund arbeiten ja insgesamt 19 Forschungsinstitute an verschiedenen thematischen Schwerpunkten. Wie eng arbeiten Sie denn im Verbund zusammen?

Simone Jambor-Fahlen: Immer enger. Wir merken, dass auch das ein Prozess ist. Vor sechs Wochen haben wir uns alle auf einer großen Verbundkonferenz getroffen. Dabei ging es genau um diese Fragen: Wie können wir alle noch besser zusammenarbeiten? Wo sind wir anschlussfähig aneinander? Viele Prozesse sind bereits entstanden. Beispielsweise treffen wir Koordinierenden der verschiedenen Struktureinheiten uns zu einem regelmäßigen Jour Fixe. Hier tauschen wir uns über alles aus, was wir tun, und identifizieren Möglichkeiten der Zusammenarbeit. Ich mach das mal ganz handfest: Beispielsweise hat jede Struktureinheit eine andere Form der Zertifizierung von Qualifizierungsmaßnahmen. In den gemeinsamen Treffen schauen wir, ob es Sinn macht, hier Dinge zu vereinheitlichen oder Synergien zu nutzen. Ein weiteres Beispiel ist die Zusammenarbeit mit dem Governance-Zentrum des CHANCEN-Verbunds. Wir arbeiten eng mit den Kolleginnen und Kollegen zusammen, um gemeinsam struktur- und fachübergreifend Möglichkeiten zu eruieren, wie es gelingt, die Steuerungsebene der Länder mehrmals im Jahr zu einem gemeinsamen Austausch zu treffen. Kurzum: Wir haben in den vergangenen Jahren immer mehr horizontale Verbindungen ausgebaut, um mehr und mehr voneinander zu profitieren und enger zusammenzuwachsen.


Das Kompetenzzentrum Sprachbildung arbeitet auch eng mit der Initiative BiSS-Transfer zusammen. Wie sieht diese Zusammenarbeit aus? Welche Rolle spielt BiSS für das Startchancen-Programm?

Simone Jambor-Fahlen: Wir kooperieren eng miteinander, denn unsere Ziele sind deckungsgleich. Beide Welten greifen aufeinander zu und verzahnen sich an verschiedenen Stellen, vor allen Dingen bei der Nutzung der E-Learning-Einheiten für unser Blended-Learning-Format der Qualifizierung. Konkret sieht das so aus: In unseren Qualifizierungsmaßnahmen sprechen wir beispielsweise einen eigenen Kompetenzbereich mit dem Land ab, um den es jetzt zunächst einmal gehen soll, etwa die Lesekompetenz. Dann gestalten wir unsere Blended-Learning-Einheit mit Präsenzveranstaltungen, mit synchronen Online-Veranstaltungen und mit Selbstlernphasen. In diesen Selbstlernphasen bieten wir im Design des Startchancen-Programms die Blended-Learning-Einheiten aus BiSS und BiSS-Transfer an. Hier greift das Kompetenzzentrum Sprachbildung also auf die Angebote der Leitstelle BiSS-Transfer zu.

Umgekehrt haben wir auch einen Transfer aus unserem Kompetenzzentrum in die BiSS-Welt hinein, indem wir beispielsweise innerhalb unseres Kompetenzzentrums zusammen mit externen Content-Entwicklerinnen und Entwicklern neue E-Learning-Einheiten zu weiteren Themen, wie dem Zuhören, erstellen. Die Einheiten zum Zuhören sind aktuell in Arbeit und werden in 2027 zur Verfügung stehen. Diese speisen wir dann auch in das BiSS-Angebot mit ein, so dass alle Schulen – nicht nur die Startchancen-Schulen – davon profitieren können. Wir befruchten uns also gegenseitig.

Wir kooperieren eng miteinander, denn unsere Ziele sind deckungsgleich. Beide Welten greifen aufeinander zu und verzahnen sich an verschiedenen Stellen, vor allen Dingen bei der Nutzung der E-Learning-Einheiten für unser Blended-Learning-Format der Qualifizierung.


Lassen Sie uns abschließend mal einen Ausblick wagen: Was möchten Sie als Projektkoordinatorin im Kompetenzzentrum Sprachbildung in den nächsten zwei oder drei Jahren erreicht haben?

Simone Jambor-Fahlen: Meine Zukunftsvision wäre, dass wir bis zu diesem Zeitpunkt in Zusammenarbeit mit den Ländern bedarfsgerechte, spezifische Qualifizierungsmaßnahmen für alle 16 Länder und deren Multiplizierenden angeboten haben – idealerweise in modularer Form. Also wirklich in jedem Land alle Kompetenzbereiche – Lesen, Schreiben und Zuhören – abdecken.


Vielen herzlichen Dank für das Gespräch, Frau Jambor-Fahlen!


Das Interview führte Denise Krell. Kommunikationsmanagerin der Leitstelle BiSS-Transfer am Mercator-Institut für Mehrsprachigkeit und sprachliche Bildung


Das Interview erschien zuerst im BiSS Magazin

Simone Jambor-Fahlen koordiniert das Kompetenzzentrum Sprachbildung im CHANCEN-Verbund. Sie ist am Mercator-Institut für Mehrsprachigkeit und sprachliche Bildung der Universität zu Köln tätig.

Kontakt

Leiterin Externe Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit | Gesamtkoordination

Veronika Stumpf, +49 30 293360-625, v.stumpf@dipf.de

CHANCEN-Verbund

Portrait Bild Simone
bottom of page