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15. Juli 2026

Interview: Veronika Stumpf

Datengestützte Qualitätsentwicklung: „Entscheidungen im pädagogischen Kontext sollten gestützt auf Daten getroffen werden“

Warum der Schulaufsicht oft die Datengrundlage fehlt, wie man überlastete Lehrkräfte überzeugt und was Handys mit datengestützter Qualitätsentwicklung zu tun haben. Im Interview mit Karina Karst.

CHANCEN-Verbund: Der Schulleitungsmonitor vom Mai zeigt: 77 Prozent der befragten Schulleitungen setzen sich intensiv mit Daten auseinander. Hat dich überrascht, dass es so viele sind?


Karina Karst: Ja, diese Zahl hat mich tatsächlich überrascht. Mein erster Impuls war, die Ergebnisse mit unseren Befragungen aus 2025 im Rahmen von Schule macht stark zu vergleichen. Das war besonders spannend, weil der Schulleitungsmonitor die Fragen und Aussagen nutzt, die wir für unsere Befragungen entwickelt haben. Die Ergebnisse können deshalb miteinander verglichen werden.


In unseren Erhebungen geben nur rund 55 Prozent der Schulleitungen an, Daten an ihrer Schule intensiv zu nutzen. Ich habe mich schon gefragt, wie dieser Unterschied zustande kommt.


CHANCEN-Verbund:  Und: Wie erklärst Du ihn Dir?


Karina Karst: Zunächst habe ich vermutet, der Unterschied hängt mit den Schulen in herausfordernden Lagen zusammen, auf die sich das Projekt Schule macht stark konzentriert hat. Doch der Schulleitungsmonitor hat genau das untersucht und keine Unterschiede feststellen können.


Meine Hypothese ist deshalb eine andere: Die Schulleitungen im Projekt Schule macht stark haben durch die intensive externe Begleitung und die dabei fokussierte datengestützte Entwicklungsarbeit ein breiteres Verständnis davon entwickelt, was datengestütztes Arbeiten tatsächlich bedeutet. Sie kennen den Datennutzungszyklus und schätzen ihre Praxis deshalb möglicherweise zurückhaltender ein als Schulleitungen ohne diesen Hintergrund.


Datennutzung muss über alle Ebenen hinweg verzahnt sein


CHANCEN-Verbund: Im Schulleitungsmonitor geben viele Schulleitungen auch an, dass sie genug Daten haben und sie auswerten können. Ist das Thema Datennutzung also in den Schulen angekommen?


Karina Karst: Das würde ich auf der Ebene der Schulleitungen bestätigen. Da hat sich in den letzten Jahren einiges gewandelt: Sie wissen um die Relevanz und das Potenzial datengestützter Qualitätsentwicklung.

Auf Ebene der Lehrkräfte zeigt sich allerdings noch ein anderes Bild. Unsere Daten deuten darauf hin, dass die Datennutzungskultur bei ihnen etwas schwächer ausgeprägt ist als bei Schulleitungen. Ich denke, das liegt auch daran, dass viele Lehrkräfte noch nicht die passenden Instrumente haben, um datengestützte Qualitätsentwicklung selbstverständlich in ihren Unterricht zu integrieren.


CHANCEN-Verbund: Wir haben bisher über Schule gesprochen. Aber Schule ist nur ein Teil des Systems. Das SWK-Gutachten zur datengestützten Entwicklung und Steuerung vom März betont: Die Datennutzung muss über alle Ebenen hinweg verzahnt sein. Dabei spielt die Schulaufsicht eine zentrale Rolle. Wie ist da der Stand?


Karina Karst: Bisher stützen wir uns da vor allem auf erfahrungsbasiertes Wissen und internationale Studien, weil wir die Daten gerade erst erheben. In Gesprächen mit Schulaufsichten und anderen Akteuren der intermediären Ebene höre ich aber immer wieder: ,Von der Bedeutung datengestützter Qualitätsentwicklung müssen Sie uns nicht mehr überzeugen. Wir müssen nur noch wissen, wie sie praktisch funktioniert.'


Ein dickes Handbuch überreichen reicht nicht. Man muss es tun.


CHANCEN-Verbund: Und was leistet euer Kompetenzzentrum dazu?


Karina Karst: Wir qualifizieren die Unterstützungssysteme. Mit einigen Ländern arbeiten wir inzwischen sehr eng zusammen, um Schulaufsichten fit für datengestützte Qualitätsentwicklung zu machen.


Doch wir sehen: Es gibt noch zu wenige Qualifizierungsgebote, die auf Forschung basieren. Ein dickes Handbuch wird überreicht, und man glaubt, das reiche aus. Doch das reicht nicht. Man muss es gemeinsam tun: Daten aufnehmen, durchdenken, Maßnahmen daraus ableiten und diese datengestützt überprüfen. Dafür braucht es externe Unterstützung, so lange, bis der Prozess zur Routine geworden ist.


CHANCEN-Verbund: Und wenn ihr die Unterstützungssysteme qualifiziert habt, läuft dann alles rund? Oder gibt es noch andere Baustellen?


Karina Karst: Es gibt tatsächlich noch ein strukturelles Problem. Lehrkräfte und Schulleitungen haben Zugang zu ihren schulbezogenen Daten. Für Schulaufsichten ist das oft nicht selbstverständlich. Nicht in jedem Bundesland ist garantiert, dass sie Einblick in die Daten ihrer Schule haben.


CHANCEN-Verbund: Das heißt, Schulaufsichten sollen Schulen laut SWK-Gutachten künftig intensiver begleiten und beraten, doch dafür fehlen ihnen teils die nötigen Daten?


Karina Karst: Genau. Schulaufsichten können zwar bei Schulleitungen um Einsicht in die Daten bitten. Doch das ist immer mit einer zusätzlichen Hürde verbunden und lässt sich nicht gut in ihren Arbeitsalltag integrieren, weil der Datenzugang nicht in allen Bundesländern geregelt ist. Das SWK-Gutachten stellt das in seiner Situationsanalyse transparent dar.


Fünfmal ‚Warum?‘ fragen, um Probleme zu ergründen


CHANCEN-Verbund: Schauen wir noch mal in die Schulen: Das SWK-Gutachten betont das Prinzip der Datensparsamkeit. Gleichzeitig braucht es für datengestützte Qualitätsentwicklung mehrperspektivische Daten. Wie finden Schulen die richtige Balance?


Karina Karst: Entscheidend ist, dass Schulen genau die Daten nutzen, die auf ihre konkreten schulischen Ziele einzahlen, die sich auf Ziele im Rahmen des Startchancen-Programms oder auf übergeordnete Bildungsziele des Landes beziehen. Daten helfen entweder, Prozesse anzustoßen, oder zu prüfen, ob eine Maßnahme wirkt.


CHANCEN-Verbund: Wie erkennen Schulen, wann sie genügend Daten gesammelt haben?


Karina Karst: Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Man könnte immer weitere Daten erheben und ein Problem endlos analysieren – ein Fass ohne Boden. Deshalb kann ich auch nicht sagen: Drei Datenquellen reichen aus. Das muss das Team, das an der Qualitätsentwicklung arbeitet, gemeinsam entscheiden. Hilfreich sind dabei Methoden der systematischen Ursachenanalyse, die sich an eine Bestandsaufnahme anschließen sollte.


CHANCEN-Verbund: Wie sieht die konkret aus?


Karina Karst: Ein Beispiel ist die sogenannte Fünf-Warum-Methode (S. 57). Dabei fragt man bei einem Problem immer wieder ‚Warum?‘, um den Ursachen auf den Grund zu gehen. Spätestens nach dem fünften „Warum“ sollte das Team erst mal aufhören und sagen: ‚Jetzt haben wir den Kern des Problems gefunden.‘ Das bildet die Basis, um Ziele zu schärfen und Maßnahmen abzuleiten.


Viele Lehrkräfte arbeiten längst datengestützt


CHANCEN-Verbund: Du hast vorhin gesagt, dass Lehrkräfte noch nicht die passenden Instrumente haben. Sie sehen datengestützte Qualitätsentwicklung oft noch als Zusatzaufgabe. Wie schafft man es, sie zu überzeugen?


Karina Karst: Der wichtigste Schritt ist, den Mehrwert greifbar zu machen und ihn Lehrkräfte selbst erleben zu lassen. Das gelingt am besten über niedrigschwellige Einstiege und kleine Erfolgserlebnisse. Ein gutes Beispiel ist der Mathe-sicher-können-Online-Check von Susanne Prediger aus unserem Kompetenzzentrum Mathematik: Damit können Lehrkräfte mit wenigen Klicks das konzeptuelle Verständnis ihrer Schüler*innen prüfen. Das Tool wertet die Ergebnisse automatisch aus und gibt direkte Hinweise, wie sie einzelne Schüler*innen fördern können. Zudem bietet es Nach-Checks, die den Lehrkräften zeigen, bei wem die Förderung schon erfolgreich war. Solche Erfahrungen fördern die Bereitschaft, datengestützt zu arbeiten.


CHANCEN-Verbund: Du sagst aber auch: Viele Lehrkräfte arbeiten längst datengestützt, ohne es so zu nennen.


Karina Karst: Genau. Viele nutzen bereits informelle Diagnosedaten, etwa aus Gesprächen mit ihren Schüler*innen oder indem sie sie laut denken lassen, während sie Aufgaben bearbeiten, und so ihre Vorgehensweise nachvollziehen können. Solche Beobachtungen gehören zum Unterrichtsalltag. Darauf lässt sich aufbauen und schrittweise weitere Datenquellen ergänzen.


Daten zeigen auch, wie es Schüler*innen geht


CHANCEN-Verbund: Bisher ging es vor allem um den Unterricht. Du sagst aber, datengestützte Qualitätsentwicklung kann noch viel mehr leisten. Was meinst du damit?


Karina Karst: Daten zeigen nicht nur fachliche Leistungen, sondern auch, wie es den Schüler*innen geht und was sie brauchen. Das kann mittelfristig weitere Schulentwicklungsprozesse anstoßen.


CHANCEN-Verbund: Hast du dafür Beispiele?


Karina Karst: Einige Länder stellen Schulen inzwischen Datenblätter bereit, die auch Angaben zur Prozessqualität enthalten, etwa zum Wohlbefinden der Schüler*innen. Doch das bleibt nur ein Anfang: Wenn ich dort erkenne, dass das Wohlbefinden gering ausfällt, frage ich mich: ‚Warum ist das so?‘. Dann braucht es weitere Datenerhebungen, bei denen man die Schüler*innen tiefergehend befragt.


Ein gutes Beispiel dafür ist die App #Stadtsache. Matthias Forell und Jakob Schuchardt aus unserem Kompetenzzentrum für Multiprofessionelle Schulentwicklung im Sozialraum haben sie so weiterentwickelt, dass schulische Akteur*innen sie einfach nutzen können. Schüler*innen fotografieren mit Tablets oder Handys etwa Orte in ihrer Schule und Umgebung, an denen sie sich wohlfühlen – oder eben nicht. Die App zeigt diese Orte auf einer Karte. So werden aus subjektiven Eindrücken greifbare Informationen, die Schulen gezielt für ihre Entwicklung nutzen können.


Ein Zielbild für das Startchancen-Programm


CHANCEN-Verbund: Solche Beispiele zeigen, wie weit datengestützte Qualitätsentwicklung reichen kann. Auch das SWK-Gutachten fasst Datennutzung breit und es versteht sich ausdrücklich als Wegweiser, wie datengestützte Entwicklung und Steuerung im Startchancen-Programm umgesetzt werden soll. Wenn wir das Programm 2034 abschließen: Wo sollte die datengestützte Qualitätsentwicklung stehen, damit der Anspruch der SWK eingelöst ist?


Karina Karst: Für die datengestützte Qualitätsentwicklung haben wir ein klares Zielbild: Sie soll zu einem durchgängigen Prinzip werden. Natürlich gilt das nicht für jede einzelne pädagogische Entscheidung im Unterricht. Aber grundsätzlich sollten Entscheidungen im pädagogischen Kontext gestützt auf Daten getroffen werden und damit Qualitätsentwicklung anstoßen.


Mein Wunsch ist, dass dieses Prinzip über alle Ebenen hinweg gelebt wird: von der Lehrkraft über die Schulleitung und die Schulaufsicht bis hin zu den Unterstützungssystemen und im besten Fall bis in die Ministerien. Dafür braucht es klare Rollen und Zuständigkeiten sowie transparente Datenflüsse. Es muss klar sein, wer wann auf welche Daten zugreifen kann. Außerdem braucht jede Ebene eine angemessene Datenverfügbarkeit, also genau die Daten, die sie für ihre Aufgaben benötigt und die notwendig sind, um Wirkung festzustellen


CHANCEN-Verbund: Da haben wir also noch einiges zu tun, oder?


Karina Karst:  Ja, das haben wir. Aber es ist gut, dass wir ein gemeinsames Zielbild haben.




Foto von Jonas Ringler

Karina Karst untersuchte ursprünglich, wie präzise Lehrkräfte die Fähigkeiten ihrer Schüler*innen einschätzen. Dabei zeigte sich: Einige stellen genauere Diagnosen als andere. Doch warum sollten Lehrkräfte raten, wenn Daten sie unterstützen können? Diese Frage eröffnete der Professorin für empirische Schulforschung an der RPTU Kaiserslautern-Landau ein neues Forschungsfeld: die Nutzung von Daten zur Schul- und Unterrichtsentwicklung.


Heute leitet sie das Interdisziplinäre Kompetenzzentrum Datengestützte Qualitätsentwicklung im CHANCEN-Verbund.




Kontakt

Leiterin Externe Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit | Gesamtkoordination

 Veronika Stumpf, +49 30 293360-625, v.stumpf@dipf.de

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Prof. Dr. Karina Karst und Veronika Stumpf im Interview
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