5. Okt. 2026
Interview: Anke Wilde (DIPF) | Verbundleitung
"Wenn wir die Strukturen nachhaltig ändern, profitieren die Schulen für Generationen.“
Martina Diedrich, Mitglied der Verbundleitung, und Ulrike Rehn, Referatsleiterin im Niedersächsischen Kultusministerium, ziehen nach zwei Jahren Bilanz und erläutern, welche Weichen gestellt wurden.
Seit zwei Jahren besteht der vom DIPF koordinierte CHANCEN-Verbund zur wissenschaftlichen Begleitung und Forschung für das Startchancen-Programm. Dr. Martina Diedrich, Mitglied der Verbundleitung, und Ulrike Rehn, Referatsleiterin im Niedersächsischen Kultusministerium, ziehen gemeinsam eine erste Bilanz. Sie erläutern, welche Weichen gestellt wurden und wie in einem System mit so vielen Beteiligten die Kommunikation gelingt.
Das Startchancen-Programm soll in der Bildung eine Wende bringen. Was unterscheidet es von anderen Förderprogrammen?
Martina Diedrich: Da wäre natürlich der Umfang zu nennen, Bund und Länder stellen über zehn Jahre 20 Milliarden Euro zur Verfügung, und 4.000 Schulen in herausfordernden Lagen sind unmittelbar am Programm beteiligt. Damit sind die Erwartungen sehr hoch, und darum ist Nachhaltigkeit eines der wichtigsten Anliegen des Startchancen-Programms und der wissenschaftlichen Begleitung. Das Ziel ist ja, den Bildungserfolg der Kinder und Jugendlichen zu verbessern und das Bildungssystem so zu gestalten, dass es auf Herausforderungen besser reagieren kann. Es sollen möglichst keine zusätzlichen Strukturen entstehen, die beim Programmende wieder verschwinden.
Sondern?
Martina Diedrich: Wir wollen die Menschen, die bereits im System tätig sind, langfristig qualifizieren und stärken. Wir brauchen den Wandel ja im Bildungssystem selbst, in den Verwaltungen, den Beratungs- und Unterstützungssystemen, in der Fortbildung und in der Schulaufsicht. Im Kern geht es um eine Veränderung von Arbeits- und Kooperationskulturen, die über viele Jahre gewachsen sind. Wir brauchen auf allen Ebenen des Bildungssystems neue Formen der Zusammenarbeit, auch mit der Wissenschaft. Entscheidend sind Kommunikation und gemeinsame Ansätze zur Problemlösung.
Frau Rehn, in Ihrem Bundesland Niedersachsen arbeiten rund 400 Schulen, knapp 80 Schulaufsichtsbeamte, über 100 Schulträger sowie zahlreiche Fachberatungen im Startchancen-Programm zusammen. Hand aufs Herz, haben Sie sich gefreut, als Sie zu Ihren eigentlichen Aufgaben noch die Verantwortung für das Programm erhalten haben?
Ulrike Rehn: Jein (lacht). Natürlich ist so ein Fachreferat auch ohne das Startchancen-Programm gut ausgelastet. Trotzdem übernehme ich diese Aufgabe gerne, weil das Thema wichtig ist. Aus meiner Zeit an Schulen weiß ich, wie groß die Herausforderungen insbesondere für Schüler*innen in schwierigen Lebenslagen sind. Mein Wunsch ist, dass das Programm die Unterrichtsqualität nachhaltig verbessert und die positiven Wirkungen bei den Kindern und Jugendlichen ankommen.
Derzeit findet ein intensiver Austausch mit sehr vielen und unterschiedlichen Akteur*innen statt. Wo setzen Sie mit der wissenschaftlichen Begleitung an?
Martina Diedrich: Schulen sind ja zunächst mit ihrem eigentlichen Bildungs- und Erziehungsauftrag befasst, und für zusätzliche Entwicklungsaufgaben bleibt wenig Zeit. Deshalb werden solche Prozesse von außen begleitet und stabilisiert, etwa durch die Schulaufsicht, Fortbildungen, Schulentwicklungsberatung oder weitere Unterstützungssysteme.
Die Schulen werden durch den CHANCEN-Verbund indirekt angespielt, als Teilnehmende von fachlichen und überfachlichen Netzwerken. Die Leitenden dieser Netzwerke, die sogenannten Multiplizierenden, sind diejenigen, die wir im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitung qualifizieren. Das heißt, die wissenschaftliche Begleitung setzt primär oberhalb der Einzelschule an. Das heißt bei den Multiplizierenden, Schulämtern, Landesinstituten, Qualitätsagenturen bis hin zu den Ministerien. In unserem Chancen-Verbund sind über hundert Wissenschaftler*innen beschäftigt, die mit ihnen in den Austausch treten, Beratungen und Qualifizierungen anbieten. Und sie forschen dazu, wie Veränderungsprozesse gelingen oder scheitern. Dieses Wissen fließt wieder in das Programm ein.
Und wie realisieren Sie das Programm vor Ort in Niedersachsen?
Ulrike Rehn: Wir nutzen auf allen Ebenen möglichst konsequent das bereits bestehende Organisationsgefüge und vermeiden es genau wie beschrieben, zusätzliche Strukturen und personelle Ressourcen aufzubauen. Wer im Ministerium für ein bestimmtes Thema zuständig ist, übernimmt diese Aufgabe auch im Rahmen des Startchancen-Programms. So lassen sich die gewonnenen Erkenntnisse auch unmittelbar für die reguläre Arbeit mit allen Schulen im Land nutzen.
Zudem verfügt Niedersachsen bereits über ein umfassendes Beratungs- und Unterstützungssystem für die Schulen. Das wird nun wissenschaftlich begleitet, und die dort tätigen Menschen werden zwar für das Startchancen-Programm geschult, können das Gelernte aber sofort auf alle Schulen in Niedersachsen übertragen.
Wird das in den anderen Bundesländern ähnlich angegangen?
Martina Diedrich: Viele Bundesländer verfolgen vergleichbare Ansätze. Manche aber gestalten das Programm mehr als klassisches Projekt, mit zusätzlichen Strukturen, die stärker von den bestehenden Systemen getrennt sind. Das Programm entwickelt dann einen eher abgeschlossenen Charakter, mit der Gefahr von Parallelstrukturen, Verselbstständigungsprozessen und einer geringeren Nachhaltigkeit. Deshalb raten wir dazu, direkt im bestehenden System anzusetzen.

Wichtig ist die Frage, wie Themen gemeinschaftlich gesteuert, umgesetzt und verknüpft werden können. Die Beteiligten sollen prüfen, an welchen Stellen bereichsübergreifende Zusammenarbeit möglich ist.
Das Startchancen-Programm möchte auch die Handlungslogiken in den Verwaltungen adressieren. Was haben Sie dabei vor?
Martina Diedrich: Verwaltungen trennen traditionell Themen sauber voneinander ab und arbeiten mit klaren Zuständigkeiten in Referaten, Fachbereichen und festen Organisationsstrukturen, etwa für Mathe, Deutsch und für überfachliche Kompetenzen. Das kann man sich wie geschlossene Boxen vorstellen, und normalerweise wird nur selten der Deckel aufgemacht und nach rechts oder links geschaut.
Im Startchancen-Programm reicht das nicht. Wichtig ist die Frage, wie diese Themen gemeinschaftlich gesteuert, umgesetzt und verknüpft werden können. Die Beteiligten sollen prüfen, an welchen Stellen bereichsübergreifende Zusammenarbeit möglich ist.
Dafür haben wir im Chancen-Verbund die Transfer- und Transformations-Hubs geschaffen, kurz TT-Hubs, welche die Länder auf diesem Weg mit wissenschaftlicher Expertise unterstützen.
Ulrike Rehn: In Niedersachsen beziehen wir den TT-Hub intensiv in unsere Arbeit ein. Die Beteiligten begleiten unsere Abstimmungen und geben Rückmeldungen zu Stärken und Verbesserungsbedarfen.
Hilfreich ist auch ein Hauserlass in unserem Ministerium. Er regelt, dass ich andere Referate mit Aufgaben des Startchancen-Programms beauftragen darf, auch wenn dies nicht in meinem Zuständigkeitsbereich liegt. Zusätzlich wurden in den Landesämtern und im Qualitätsinstitut Stabsstellen eingerichtet, die für Kommunikation und Kohärenz sorgen.
Wie organisiert man denn bei so vielen Beteiligten in einem so komplexen Programm die Kommunikation?
Martina Diedrich: Je größer ein Bundesland ist und je mehr Akteur*innen beteiligt sind, desto anspruchsvoller wird die Abstimmung. Eine besondere Rolle spielt hier die mittlere Ebene, etwa das Beratungs- und Unterstützungssystem in Niedersachsen. Sie vermittelt zwischen den verschiedenen Ebenen, übersetzt und transportiert Informationen in beide Richtungen. Wir nennen das „leading from the middle“.
Es braucht aber auch Formate, in denen die Schulen direkt ihre Perspektiven einbringen, denn diese ist unverzichtbar. Dasselbe gilt für die Schulträger. Gleichzeitig können wir nicht alle an einen gemeinsamen Tisch holen. Wie solche Prozesse sinnvoll organisiert werden, ist deshalb eine zentrale Frage des Programms, auf die es noch keine abschließende Antwort gibt.
Ulrike Rehn: 400 Schulen erreicht man nicht einfach nebenbei, dafür braucht es besondere Formate. Unsere Startchancen-Schulen sind in 21 regionalen Netzwerken organisiert, darunter ein eigenes Netzwerk für die berufsbildenden Schulen. Jedem Netzwerk ist ein Beratungstandem zugeordnet, das als zentrale Schnittstelle zwischen dem Programm und den Schulen fungiert.
Ergänzend dazu wollen wir thematische Netzwerke aufbauen, um auch als Ministerium in den direkten Austausch mit den Schulen zu treten.

Solche Schulentwicklungsprozesse sind anspruchsvoll und aufwändig. Dennoch erleben wir ein bemerkenswert großes Engagement und zunehmend auch eine Selbstverständlichkeit darin, das Startchancen-Programm in schulische Planungen einzubeziehen.
Welche Wirkungen entfaltet das Startchancen-Programm denn bereits in den Schulen?
Ulrike Rehn: Gegenwärtig erarbeiten die Beratungstandems zusammen mit der Schulaufsicht und mit allen 400 Startchancen-Schulen sehr intensiv Zielvereinbarungen mit klaren Entwicklungsvorhaben, geplanten Maßnahmen und welche Mittel dafür eingesetzt werden.
Solche Schulentwicklungsprozesse sind anspruchsvoll und aufwändig, insbesondere für Schulen in herausfordernden Lagen oder mit knappen Personalressourcen. Dennoch erleben wir ein bemerkenswert großes Engagement und zunehmend auch eine Selbstverständlichkeit darin, das Startchancen-Programm in schulische Planungen einzubeziehen.
Außerdem nehmen alle Startchancen-Schulen wieder an den Vergleichsarbeiten VERA teil, aus diesem Verfahren ist Niedersachsen ja 2017 ausgestiegen. Solche Erhebungen liefern wichtige Daten, um Entwicklungen zu beobachten und zu bewerten.
Das ist ja auch eine Aufgabe der wissenschaftlichen Begleitung. Welche Anforderungen sehen Sie denn für den Austausch mit der Wissenschaft?
Ulrike Rehn: Hilfreich ist eine wechselseitige Perspektiverweiterung aller Beteiligten. Wir profitieren von den wissenschaftlichen Angeboten und Impulsen aus den Kompetenzzentren, müssen gleichzeitig aber deutlich machen, welche Unterstützung wir benötigen und welche Anforderungen sich aus der Praxis ergeben. Die Steuerung von Schulen ist komplex, und in jedem Bundesland gibt es unterschiedliche Rahmenbedingungen. Das heißt, bestehende Konzepte müssen oft angepasst werden, um vor Ort nutzbar zu sein. Deshalb ist Kommunikation auch so wichtig.
Martina Diedrich: Dem kann ich nur zustimmen. Auch wenn die Forschung über Wissen und Konzepte verfügt, so ist doch auch entscheidend, ob und unter welchen Bedingungen dieses Wissen anwendbar ist.
Auch die Wissenschaft ist im Startchancen-Programm ein lernendes System. Gemeinsam mit den Beteiligten versuchen wir zu verstehen, warum ein Ansatz an der einen Stelle funktioniert, an anderer Stelle aber nicht.
Das ist auf allen Seiten ein Lernprozess, der gelegentlich auch Auseinandersetzungen mit sich bringt. Aber das Ziel ist es wert, gerade mit Blick auf die Nachhaltigkeit. Denn wenn wir diesen Austausch produktiv führen und nachhaltig die Strukturen ändern, dann profitieren die Schulen nicht nur für zehn Jahre von diesem Programm, sondern für Generationen.

Ulrike Rehn ist Ministerialrätin und leitet am Niedersächsischen Kultusministerium das Fachreferat, das für die Grundschulen, Hauptschulen, Realschulen und Oberschulen zuständig ist. Zuvor war sie als Lehrkraft, als Schulleiterin sowie als Dezernentin im Schulaufsichtsdienst und in der Schulentwicklungsberatung tätig.

Dr. Martina Diedrich ist Mitglied der Leitung des Chancen-Verbunds zur wissenschaftlichen Begleitung und Forschung für das Startchancen-Programm und leitet dort das Governance-Zentrum. Von 2018 bis 2024 war sie Direktorin des Instituts für Bildungsmonitoring und Qualitätsentwicklung in Hamburg.
Kontakt
Leiterin Externe Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit | Gesamtkoordination
Veronika Stumpf, +49 30 293360-625, v.stumpf@dipf.de
Dieses Interview erschien zuerst auf www.dipf.de.
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